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PROJECTS

Das Dorf im Wald

Erscheinungsdatum: 27.03.2025

Barbara Jahn

Hohe Bevölkerungsdichte in den Städten, laute Geräuschkulissen, omnipräsente Hektik: Wer hat da nicht gelegentlich den Wunsch aus diesem Szenario auszubrechen und sich an einen stillen Ort weit weg von all dem zurückzuziehen? Wir zeigen zwei verschiedene Beispiele von Rückzugsorten, deren Architektur mit der Natur im Einklang steht.

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© Masahiro Ohgami

Die Dachlandschaft in Schwarz greift die üppige Silhouette des umliegenden Waldes auf.

Mitten in den Wäldern von Karuizawa, auf einem 5.800 Quadratmeter großen, hügeligen Grundstück, ließ sich eine vierköpfige Familie von bekannten japanischen Architektur- und Designbüro Nendo ein Wochenenddomizil in Form eines „Dorfes“ errichten, das aus insgesamt sechs Elementen in Form von Holzhäusern besteht. Zusammengefasst durch eine große umlaufende Holzterrasse, die als Plattform auf schwarzen Rundsäulen an das natürliche Gefälle schmiegt, offenbart sich von fast allen jeweils nur 20 Quadratmeter großen, kompakten Häuschen ein großartiger Blick auf den gegenüberliegenden Berg Asama. Die zweite Verbindung zwischen den Häusern ist die gemeinsame Dachlandschaft, die sich mit ihrer schwarzen Farbe von der hellen Terrasse abhebt. Durch die unterschiedlichen Neigungen und durch die variierende Ausrichtung der Häuser ergibt sich ein lebendiges Auf und Ab, in dem sich die hügelige Umgebung widerspiegelt und das sich jedoch ohne Unterbrechung über die gesamte Fläche erstreckt.

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© Masahiro Ohgami

Das umlaufende Terrassendeck, auf dem die Baumkronen zum Greifen nah erscheinen, verbindet die sechs Einzelgebäude miteinander.

Terrasse und Dachlandschaft sind Ausdruck der gestalterischen Grundidee dieses Hauses, nämlich „eine Familie, deren Mitglieder sich an den Händen halten“. Dieser imaginäre Gedanke gab dem Projekt auch den Namen „Hand-in-Hand-House“. Der Grundriss, aber auch die Gestaltung der einzelnen Häuschen, die im Prinzip nur aus einem Raum bestehen, richten sich nach der Individualität seiner Bewohner. Auf diese Weise wahrt das Haus eine respektvolle Distanz, die die Zeit und die Einzigartigkeit jedes Familienmitglieds hochhält und dennoch die Verbindung zwischen den Familienmitgliedern fördert. So beherbergt jedes davon eine bestimmte Funktion, etwa die Küche, den Essbereich oder die Schlafzimmer – kleine Räume mit unterschiedlichen Eigenschaften und Komfortniveaus, die gleichzeitig ein Gefühl der Einheit unter einem Dach ermöglichen.

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© Masahiro Ohgami

Bei der Möblierung fiel die Entscheidung zugunsten von Grautönen, bei den Architekturflächen dominieren Weiß und die Natürlichkeit von Holz.

Die Cottages sind sanft ineinander verschachtelt, die Dächer reichen sich harmonisch die Hand.“

© Nendo

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© Masahiro Ohgami

Licht als Teil der Einrichtung: Die großen Fensterflächen, die sich zur Terrasse öffnen, lassen das Tageslicht tief in die Räume strömen.

Ähnlich kontrastierend zum schwarzen Dach wie die hellen Holzfassaden erstrahlen die Innenräume mit ihren geschwungenen Decken in Weiß. Das sanfte Ondulieren erzeugt eine optische Leichtigkeit, die von den großzügigen raumhohen Glasflächen, die das Innen mit dem Außen fast nahtlos verbinden und die Aussicht auf den Wald freigeben, noch verstärkt wird. Die Räume selbst wurden mit hellen Holzverkleidungen für Wände und Böden ausgestattet. Mit der Einrichtung und den Raumflächen dominieren Grautöne und helles Holz den Innenraum.Als Pendent zu den skulptural anmutenden Decken wurde das Mobiliar bewusst schlicht, zurückhaltend und minimalistisch gehalten – so gibt es beispielsweise nur die rechteckige Badewanne, eine Essgruppe, einen Küchenblock, ein Bett, sonst nur die erholsame Leere.

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© Masahiro Ohgami

Totaler Rückzug: Die Einrichtung ist auf das Notwendigste beschränkt und lässt gerade deshalb zur Ruhe kommen.

Schauplatzwechsel zu einem anderen „Dorf“: Das Architektur- und Innenarchitekturbüro AW² unter der Leitung von Reda Amalou und Stéphanie Ledoux wurde beauftragt, zu den bestehenden 25 touristische genutzten Hütten auf einem 150 Hektar großen Gelände im Dorf Chassey-les-Montbozon in der französischen Franche-Comté vier neue als Ergänzung zu planen. Die Zusammenarbeit zwischen dem Kreativbüro und dem Unternehmen Coucoo Cabanes entstand aus gemeinsamen Werten heraus, nämlich einerseits nachhaltige Architektur mit einem hohen Mehrwert in Hinblick auf einen maßgeschneiderten bioklimatischen Ansatz in Symbiose mit der Umgebung zu schaffen und, andererseits, damit die unumstößlichen Umweltprinzipien des Auftraggebers, der sich für eine lebendige Biodiversität und eine bessere Interaktion zwischen Mensch und Natur einsetzt, widerzuspiegeln. Dank der minutiösen Planung gelang es in nur vier Monaten die Bauelemente herzustellen und zusammenzubauen, um sie dann in sieben Wochen vor Ort aufzustellen.

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© David Rosemberg

Die von AW² entworfenen Hütten auf Gut Grand Lacs respektieren die bestehende Artenvielfalt, da sie aus den Bäumen am Rande des Naturschutzgebietes herausragen.

Die vier Hütten auf dem Landgut Grands Lacs sind also die ersten Exemplare in einer Reihe von Kooperationen zwischen dem Studio und Coucoo Cabanes. Im Fokus stand von Anfang an, Architektur und Natur harmonisch miteinander koexistieren zu lassen. Das ist auch die Attraktivität für die Gäste des Anwesens, die hier in der Gegenwart der erhabenen Natur in den Genuss von Demut und Ruhe kommen. Gewohnt werden kann hier auf drei Ebenen, die von einer schützenden Hülle umgeben sind. Das Design der Hütte erinnert an eine Knospe kurz vor dem Aufblühen: Die äußere Struktur öffnet sich und gibt den Blick auf die Innenräume frei, die zwar geschützt sind, sich jedoch die umgebende Landschaft „hereinlassen“. Schon von der ersten Ebene auf Stelzen kann man Aussicht und die sanfte Brise verinnerlichen. Hier, auf einer großen, geschützten Terrasse, können die Gäste praktisch geschützt vor Regen und Sonne im Freien wohnen. Auf der zweiten Ebene befindet sich das Schlafzimmer, das durch die offenen Erkerfenster natürlich belüftet wird. Auf der dritten Ebene befindet sich ein nordisches Bad. Hier können sich die Gäste entspannen, während sie in das Wasser und gleichzeitig in die Baumkronen eintauchen.

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© David Rosemberg

Die äußere Struktur wirkt wie ein Filter, der Schutz bietet, Ausblicke einrahmt, vor Sonne und Wind schützt und eine starke Verbindung mit der Natur in unmittelbarer Nähe schafft.

Bei diesem Projekt wird durch die Wahl der Materialien und Konstruktionsmethoden die Erfahrung des intensiven Kontakts mit der Natur noch verstärkt. Der Standort der einzelnen Hütten wird anhand der Möglichkeiten, die das Gelände bietet, ausgelotet und bestimmt. Ziel ist es, die natürliche Umgebung bestmöglich zu schützen und gleichzeitig das optimale Erlebnis für die Gäste zu schaffen. Die Hütten wurden von MCF Bois gebaut, einem auf Holzbau spezialisierten Unternehmen, dessen Produktionswerkstatt nur etwas über eine Stunde vom Standort Grands Lacs entfernt liegt. Als Holzart wurde Douglasie gewählt und damit Bäume, die weniger als 30 Kilometer von der Werkstatt entfernt gefällt werden konnten. Die Hütten wurden in der Werkstatt vorgefertigt und dann zur Baustelle transportiert. Durch diese Vorfertigung und den Einsatz geeigneter Hebegeräte konnte die Bauzeit vor Ort auf nur vier Tage pro Hütte verkürzt werden. Infolge waren die Auswirkungen auf das Gelände minimal, was zum Schutz des Geländes und seiner Artenvielfalt beitrug. Das Projekt Coucoo Cabanes unterstützt somit die lokale Wirtschaft, verringert dank kurzer Transportwege den CO2-Fußabdruck und fördert die traditionelle Handwerkskunst der Region.

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© David Rosemberg

Ob offen oder geschlossen, ihre Fassaden - die beiden schützenden Hüllen - bieten einen ungehinderten Blick auf den Wald und die Seen.

Die Holzmöbel wurden speziell entworfen, um sich entsprechend in die Architektur einzufügen. Das Bett ist in der Mitte positioniert und dient gleichzeitig als Raumteiler im Schlafzimmer. Der Loungebereich wiederum besteht aus einer einfachen, geschwungenen Bank und einem Couchtisch. Im hinteren Teil der Hütte, abgeschirmt durch das Kopfteil, sind das Waschbecken und die Trockentoilette integriert. Ein Kleiderschrank und ein Regal vervollständigen die Einrichtung. Wichtig war auch der thermische Komfort, der durch eine leistungsstarke Isolierung der Gebäudehülle und durch die Öffnungen in der gegenüberliegenden Fassade erhöht wird. Dies ermöglicht eine Querluftzirkulation, die durch einen Ventilator über dem Bett zusätzlich unterstützt wird. Der Raum ist demnach überwiegend offen gestaltet und bietet eine ständige Sichtverbindung mit der Landschaft draußen.

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© David Rosemberg

Die Natur hautnah erleben: Möglich wird das mit einer einzigartigen Architektur, die den Respekt vor der Umgebung hochhält.

Das Hotelunternehmen, spezialisiert auf Urlaub in der Wildnis, ließ vor 15 Jahren die ersten Hütten bauen. Seine Daseinsberechtigung besteht darin, den Tourismus neu zu denken. Die Anwesen sind fest in der Region verwurzelt, mit starkem lokalem Einfluss, und jedes Projekt ist beispielhaft und der Umwelt in jeder Phase verpflichtet: von Studie und Entwurf über Bau bis hin zu Betrieb und Managementplan. Es gibt 20 bis 30 Hütten pro Standort, die sich über Dutzende von Hektar an Orten von außergewöhnlicher natürlicher Schönheit verteilen. Die Hütten werden konsequent aus nachhaltigen Materialien gebaut und sind vollständig in die Umgebung integriert. Jedes Projekt ist auf den jeweiligen Standort zugeschnitten. Coucoo Cabanes verfügt heute über fünf Anwesen in drei Regionen Frankreichs, und es sind noch weitere spannende Projekte in Planung.

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© David Rosemberg

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© David Rosemberg

Von oben, von unten – ganz egal: Es ergeben sich immer wieder neue, spannende Ein-, Aus- und Durchblicke.

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